Ein Herbstblatt landet zwischen Romeos Ohren. Romeo schüttelt es nicht einfach ab. Stattdessen bekommt das Blatt sogar einen Namen: Karl. Schon bald gehört Karl ganz selbstverständlich zu Romeos Alltag. Doch der Herbst bringt Veränderungen mit sich – auch für einen ungewöhnlichen Freund.

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Im Herbst war der Hofplatz voller Blätter. Sie kamen von der großen Kastanie am Tor und wirbelten über das Pflaster. Ein Blatt landete auf Romeos Kopf, genau zwischen den Ohren. Romeo blieb stehen. Er schüttelte nicht den Kopf. „Du hast da was“, sagte Camillo. „Ich weiß. Es stört nicht.“ Das Blatt blieb den ganzen Vormittag. Als Romeo zur Raufe ging, ritt es auf seinem Kopf mit. Als eine Böe kam, flatterte es, hielt sich aber fest. Erst am Mittag rutschte es herunter und landete vor seinen Füßen. Romeo sah es lange an. „Karl“, sagte er. Samurai verschluckte sich fast. „Was?“ „Er heißt Karl.“ Von da an war Karl immer dabei. Romeo nahm ihn vorsichtig mit den Lippen und legte ihn in seine Ecke im Stall, oben auf das saubere Stroh. Morgens trug er ihn nach draußen, abends wieder hinein. Camillo konnte es nicht fassen. „Romeo trägt etwas. Freiwillig. Und es ist kein Heu.“ „Vielleicht ist er einsam“, sagte Samurai leise. „Romeo? Der hat doch uns.“ „Wir reden die ganze Zeit. Karl hört einfach zu.“ Silver fand das lächerlich. Am dritten Tag trat er mit Absicht auf Karl. Nur kurz, nur um zu sehen, was passiert. Romeo hörte auf zu kauen. Das war schlimmer als jedes Fauchen. Silver nahm den Fuß sofort weg und tat so, als hätte er nur einen Halm gesucht. Er trat nie wieder auf Karl. Dann kam der Freitag. Freitags wurde der Stall gründlich ausgemistet. Das ganze alte Stroh kam in die große Schubkarre und die Schubkarre zum Misthaufen hinter der Scheune. Romeo stand an der Raufe, als er es sah. Ganz oben auf dem Stroh in der Schubkarre lag etwas Braunes, Gezacktes. Karl. Und dann tat Romeo etwas, das noch niemand von der Vliesbande je gesehen hatte. Er rannte. Nicht schnell. Romeo war nicht fürs Schnellsein gebaut. Aber er rannte, mit langen, schaukelnden Schritten, der Schubkarre hinterher. Camillo blieb das Maul offen stehen. Xavi bremste mitten im Lauf. Selbst Coffee drehte sich um. „Romeo rennt“, flüsterte Santiago. „Das ist ein Notfall“, sagte Samurai und rannte hinterher. Die Schubkarre kippte, und Karl verschwand irgendwo im Misthaufen. Die Frau vom Hof drehte sich um und sah ein keuchendes Alpaka am Gatter stehen. „Na, Romeo? Was ist denn mit dir los?“ Romeo antwortete nicht. Er suchte jeden Halm ab. Dann kam Camillo dazu. „Da! Ganz unten links!“ Ein brauner Zipfel. Die Frau folgte ihrem Blick, zog lachend das Blatt heraus und hielt es Romeo hin. „Meinst du das?“ Romeo nahm Karl vorsichtig mit den Lippen. Aber Karl war trocken geworden. Eine Ecke brach ab. Dann noch eine. „Er geht kaputt“, sagte Camillo leise. Samurai stellte sich neben Romeo. „Blätter bleiben nicht für immer. Sie werden zu Erde. Und aus der Erde macht der Baum im Frühling neue Blätter.“ Romeo sah zur Kastanie am Tor. „Dann gehört Karl dahin.“ Unter der Kastanie legte Romeo Karl ins Laub, dort, wo er hergekommen war. Eine Weile sagte niemand etwas. Sogar Camillo nicht. „Tschüss, Karl“, sagte Romeo. In diesem Moment trudelte ein neues Blatt herunter und landete genau zwischen seinen Ohren. Camillo hielt den Atem an. „Heißt der auch Karl?“ Romeo schüttelte den Kopf. Das Blatt flog davon. „Nein. Ein Karl reicht.“ Aber am Abend sah Samurai, wie Romeo noch einmal zum Tor hinüberblickte. Nur ganz kurz. ← Vorherige Geschichte  |  Alle Wochengeschichten der Vliesbande  |  Nächste Geschichte →