Mitten in der Nacht entdeckt Camillo ein leuchtendes Gesicht am Stallfenster.
Es hat dreieckige Augen, einen gezackten Mund – und dann bewegt es sich auch noch.
Als die Vliesbande zusätzlich ein seltsames Schmatzen hört, muss Camillo herausfinden, was wirklich vor dem Fenster steckt.
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Es war schon dunkel, und die Vliesbande lag im Stall. Romeo kaute im Halbschlaf. Benito schnarchte leise. Nur Camillo war noch wach. Dann sah er es. Im Stallfenster, draußen auf der Mauer, leuchtete ein Gesicht. Ein oranges, rundes Gesicht mit dreieckigen Augen und einem riesigen Mund voller Zacken. Und es grinste.
„Samurai! Wach auf! Da guckt ein Gesicht rein!“ Samurai hob schläfrig den Kopf. Er war nicht leicht zu erschrecken, aber jetzt wurden seine Augen groß. Das Gesicht flackerte. Es wurde heller, dann dunkler. Es sah aus, als würde es blinzeln. „Das“, sagte Samurai langsam, „ist allerdings seltsam.“
Innerhalb einer Minute war der ganze Stall wach. Silver hatte sich hinter Coffee gestellt. Pedro und Diego drängten sich so eng aneinander, dass sie sich zum ersten Mal seit Wochen nicht stritten. Jack hatte den Kopf ins Stroh gedrückt. „Vielleicht ist es ein Mondgesicht, das sich verlaufen hat“, flüsterte Santiago. „Vielleicht will es rein“, flüsterte Silver.
Dann bewegte sich das Gesicht. Es wackelte. Und es machte ein Geräusch. Ein leises, feuchtes Schmatzen. Schmatz. Schmatz. „Es isst etwas“, hauchte Camillo. Jack wimmerte leise. Camillo sah zu Jack. Dann holte er tief Luft. „Ich gehe nachsehen.“ „Die Tür ist zu“, sagte Samurai. „Dann gehe ich so nah ran, wie es geht.“
Camillo setzte einen Fuß vor den anderen. Das Stroh raschelte. Das Gesicht wackelte. Schmatz. Jetzt stand er direkt unter dem Fenster und reckte den Hals, bis seine Nase fast an die Scheibe stieß. Von hier sah er, dass das Gesicht hohl war. Innen leuchtete ein kleines Lämpchen. Und unten an der Seite war ein Loch. Aus dem Loch schaute etwas heraus. Eine kleine, spitze, schwarze Nase. Die Nase schnupperte. Dann kam ein Kopf hinterher. Ein Kopf mit Stacheln.
„Ein Igel!“, rief Camillo. „Da ist ein Igel im Gesicht!“ Der Igel sah ihn mit kleinen glänzenden Augen an. Dann verschwand er wieder im Inneren. Schmatz. Das Gesicht wackelte. Die Vliesbande atmete aus. Alle gleichzeitig. Es klang wie ein sehr großer Seufzer. „Hat das Gesicht einen Igel gefressen?“, fragte Pedro besorgt. „Nein“, sagte Samurai. „Der Igel frisst das Gesicht.“
Am nächsten Morgen wussten sie mehr. Das Gesicht war ein Kürbis. Die Kinder vom Hof hatten ihn für Halloween ausgehöhlt, ein Gesicht hineingeschnitzt und ein Lämpchen hineingestellt. Und auf der Rückseite war ein Loch, durch das ein hungriger Igel gekrochen war, um das weiche Kürbisfleisch zu naschen. Jetzt lag er zusammengerollt im Kürbis und schlief. Satt und rund. Die Kinder lachten, als sie ihn fanden. Sie stellten den Kürbis vorsichtig unter die Hecke, mit dem Igel darin.
„Der hat uns ganz schön Angst gemacht“, sagte Camillo. „Du warst aber mutig“, sagte Samurai. Camillo dachte nach. „Ich hatte Angst. Aber ich wollte wissen, was es ist. Das Wissen-Wollen war größer.“ Romeo kaute. „Bei dir ist das Wissen-Wollen immer größer.“
Am Abend stellten die Kinder einen neuen Kürbis auf die Mauer, diesmal ohne Loch hinten. Das Gesicht grinste wieder in den Stall. Jack sah es. Er zuckte nicht. „Der ist eigentlich nett“, sagte er leise. „Wenn man weiß, dass innen nur ein Licht ist.“ Camillo legte sich neben ihn. „Und manchmal ein Igel.“ Von draußen, irgendwo unter der Hecke, kam ein leises, zufriedenes Schmatzen.
Ein Herbstblatt landet zwischen Romeos Ohren. Romeo schüttelt es nicht einfach ab. Stattdessen bekommt das Blatt sogar einen Namen: Karl. Schon bald gehört Karl ganz selbstverständlich zu Romeos Alltag. Doch der Herbst bringt Veränderungen mit sich – auch für einen ungewöhnlichen Freund.
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Im Herbst war der Hofplatz voller Blätter. Sie kamen von der großen Kastanie am Tor und wirbelten über das Pflaster. Ein Blatt landete auf Romeos Kopf, genau zwischen den Ohren. Romeo blieb stehen. Er schüttelte nicht den Kopf. „Du hast da was“, sagte Camillo. „Ich weiß. Es stört nicht.“ Das Blatt blieb den ganzen Vormittag. Als Romeo zur Raufe ging, ritt es auf seinem Kopf mit. Als eine Böe kam, flatterte es, hielt sich aber fest. Erst am Mittag rutschte es herunter und landete vor seinen Füßen. Romeo sah es lange an. „Karl“, sagte er. Samurai verschluckte sich fast. „Was?“ „Er heißt Karl.“ Von da an war Karl immer dabei. Romeo nahm ihn vorsichtig mit den Lippen und legte ihn in seine Ecke im Stall, oben auf das saubere Stroh. Morgens trug er ihn nach draußen, abends wieder hinein. Camillo konnte es nicht fassen. „Romeo trägt etwas. Freiwillig. Und es ist kein Heu.“ „Vielleicht ist er einsam“, sagte Samurai leise. „Romeo? Der hat doch uns.“ „Wir reden die ganze Zeit. Karl hört einfach zu.“ Silver fand das lächerlich. Am dritten Tag trat er mit Absicht auf Karl. Nur kurz, nur um zu sehen, was passiert. Romeo hörte auf zu kauen. Das war schlimmer als jedes Fauchen. Silver nahm den Fuß sofort weg und tat so, als hätte er nur einen Halm gesucht. Er trat nie wieder auf Karl. Dann kam der Freitag. Freitags wurde der Stall gründlich ausgemistet. Das ganze alte Stroh kam in die große Schubkarre und die Schubkarre zum Misthaufen hinter der Scheune. Romeo stand an der Raufe, als er es sah. Ganz oben auf dem Stroh in der Schubkarre lag etwas Braunes, Gezacktes. Karl. Und dann tat Romeo etwas, das noch niemand von der Vliesbande je gesehen hatte. Er rannte. Nicht schnell. Romeo war nicht fürs Schnellsein gebaut. Aber er rannte, mit langen, schaukelnden Schritten, der Schubkarre hinterher. Camillo blieb das Maul offen stehen. Xavi bremste mitten im Lauf. Selbst Coffee drehte sich um. „Romeo rennt“, flüsterte Santiago. „Das ist ein Notfall“, sagte Samurai und rannte hinterher. Die Schubkarre kippte, und Karl verschwand irgendwo im Misthaufen. Die Frau vom Hof drehte sich um und sah ein keuchendes Alpaka am Gatter stehen. „Na, Romeo? Was ist denn mit dir los?“ Romeo antwortete nicht. Er suchte jeden Halm ab. Dann kam Camillo dazu. „Da! Ganz unten links!“ Ein brauner Zipfel. Die Frau folgte ihrem Blick, zog lachend das Blatt heraus und hielt es Romeo hin. „Meinst du das?“ Romeo nahm Karl vorsichtig mit den Lippen. Aber Karl war trocken geworden. Eine Ecke brach ab. Dann noch eine. „Er geht kaputt“, sagte Camillo leise. Samurai stellte sich neben Romeo. „Blätter bleiben nicht für immer. Sie werden zu Erde. Und aus der Erde macht der Baum im Frühling neue Blätter.“ Romeo sah zur Kastanie am Tor. „Dann gehört Karl dahin.“ Unter der Kastanie legte Romeo Karl ins Laub, dort, wo er hergekommen war. Eine Weile sagte niemand etwas. Sogar Camillo nicht. „Tschüss, Karl“, sagte Romeo. In diesem Moment trudelte ein neues Blatt herunter und landete genau zwischen seinen Ohren. Camillo hielt den Atem an. „Heißt der auch Karl?“ Romeo schüttelte den Kopf. Das Blatt flog davon. „Nein. Ein Karl reicht.“ Aber am Abend sah Samurai, wie Romeo noch einmal zum Tor hinüberblickte. Nur ganz kurz. ← Vorherige Geschichte | Alle Wochengeschichten der Vliesbande | Nächste Geschichte →
Doch diesmal landet er an einem Ort, an dem Geschwindigkeit allein nicht weiterhilft: in einem Maislabyrinth.
Hinter jeder Ecke wartet ein neuer Weg und plötzlich muss Xavi herausfinden, ob schnelles Rennen wirklich immer die beste Lösung ist.
Findet er den richtigen Ausgang?
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Xavis Abkürzung durchs Maislabyrinth
Neben der Weide stand ein Maisfeld, so hoch, dass nicht mal Diego darüber hinwegsehen konnte. Der Nachbar hatte Gänge hineingeschnitten. Ein Labyrinth.
Xavi starrte jeden Tag hinüber. „Da drin gibt es bestimmt tausend Abkürzungen.“
„Wohin denn?“, fragte Samurai.
„Egal. Hauptsache Abkürzungen.“
Am Dienstag fand Xavi einen schiefen Zaunpfosten. Darunter war gerade genug Platz. Ein Rascheln, und weg war er.
„Der findet nie wieder raus“, seufzte Samurai.
„Wir müssen ihn holen!“, rief Camillo.
Romeo kaute. „Ich nicht.“
„Du bleibst hier“, sagte Samurai. „Damit wir wissen, wo hier ist.“
Im Mais standen die Halme wie Wände. Nach fünf Kreuzungen fanden sie Xavi. Sehr zufrieden.
Dreimal kamen sie an demselben zertretenen Maiskolben vorbei.
„Der verfolgt uns“, flüsterte Camillo.
„Nein“, sagte Samurai. „Wir laufen im Kreis.“
Die Sonne stand schon schief. Camillo wurde mulmig.
„Was, wenn wir für immer im Mais wohnen müssen?“
Auch Xavi sagte nichts mehr.
Da stellte Samurai sich so hin, dass die Maiswand direkt vor ihm war.
„Ab jetzt gehen wir immer an der rechten Wand entlang. Egal, was kommt.“
„Das dauert ewig“, sagte Xavi.
„Aber es funktioniert.“
Zweimal wollte Xavi wieder abkürzen. Zweimal stellte Camillo sich ihm in den Weg.
„Rechte Wand.“
Und dann hörten sie es.
Mal, mal, mal.
Ein vertrautes Kauen.
Noch eine Kurve. Und vor ihnen lag der schiefe Zaunpfosten. Dahinter stand Romeo.
„Wir waren verloren!“, rief Camillo. „Für immer! Fast.“
Romeo sah zum Ausgang des Labyrinths.
„Ihr wart nur fünf Schritte vom Eingang entfernt. Wenn ihr gleich am Anfang rechts gegangen wärt“, sagte er, „wärt ihr in einer Minute zurück gewesen.“
Es war sehr still.
Xavi räusperte sich.
„Das war dann wohl die Abkürzung.“
Am Abend wurde der Pfosten gerade gerichtet. Xavi sah sehnsüchtig zum Mais.
Camillo stellte sich vor ihn.
„Rechte Wand.“
Xavi seufzte und rannte stattdessen zwei Runden um die Weide.
Silver entdeckt etwas Rundes und Rotes und für ihn steht sofort fest: Das ist sein Schatz.
Natürlich möchte er ihn am liebsten ganz für sich behalten. Doch auf einer Weide voller neugieriger Alpakas ist das gar nicht so einfach.
Was Silver mit seinem roten Fund erlebt, erfahrt ihr in der neuen Wochengeschichte der Vliesbande.
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Heute durfte die Vliesbande zum ersten Mal auf die Streuobstwiese hinter dem
Hof. Ein ganzer Nachmittag unter alten Apfelbäumen, mit Gras bis zu den
Knien. „Das Gras dürft ihr fressen“, sagte Leni, bevor sie das Tor aufmachte.
„Die Äpfel nicht. Die sind nichts für Alpakas.“ Silver hörte nur halb zu. Er
sah die Äpfel im Gras liegen, rot und gelb und rund. „Schätze“, flüsterte er.
Unter dem größten Baum lag der größte Apfel, den Silver je gesehen hatte.
Rot, glänzend, fast so groß wie Camillos Kopf. „Meins!“, rief Silver. „Du
darfst ihn doch gar nicht fressen“, sagte Camillo. „Will ich auch nicht. Ich
will ihn haben.“ „Wozu?“ Silver sah ihn an, als wäre das die dümmste Frage
der Welt. „Damit er meins ist.“
Silver stellte sich breitbeinig über den Apfel und bewachte ihn. Wer näher
als drei Schritte kam, wurde angefaucht. Xavi, der vorbeiflitzte. Benito, der
nur Schatten suchte. Sogar ein Blatt, das vom Baum fiel. Die anderen ließen
ihn. An der Hecke hatte Camillo das weichste Gras der Welt entdeckt. Romeo
kaute mit geschlossenen Augen. Santiago wälzte sich im warmen Laub. Pedro und
Diego vergaßen sogar, sich zu streiten.
„Komm rüber“, rief Camillo. „Dann nimmt mir einer meinen Schatz weg.“
„Niemand will deinen Apfel.“ „Du sagst das nur, damit ich unvorsichtig
werde.“
Die Sonne wanderte. Silvers Beine wurden müde vom Stehen. Dann rief Leni:
„Noch zehn Minuten!“ Silver geriet in Panik. Er musste seinen Schatz
mitnehmen. Er schob den Apfel mit der Nase an. Der Apfel drehte sich um. Und
aus dem Apfel kam ein Summen.
Unten war ein großes braunes Loch. Daraus krabbelten Wespen. Eine, zwei,
zehn. Der Apfel war innen hohl. Silver machte einen Sprung mit allen vier
Beinen gleichzeitig. Dann rannte er quer über die Wiese und um zwei Bäume
herum, an Xavi vorbei. Silver war schneller als Xavi. Das hatte es noch nie
gegeben. An der Hecke blieb er keuchend stehen. Keine Wespe war ihm gefolgt.
Dann sah er auf das Gras. Es war abgefressen. „Ich habe den ganzen Nachmittag
nur gestanden“, sagte er leise.
Da schob Camillo mit der Nase einen Zweig zur Seite. Darunter wuchs noch ein
kleines Büschel. Das Höchste und Weichste von allen. „Das habe ich dir
aufgehoben, für den Fall, dass du doch noch kommst.“ Silver fraß es. Es war
das beste Gras, das er je gefressen hatte. „Danke“, sagte er. „Das ist das
erste Mal, dass etwas meins ist, ohne dass ich es bewachen muss.“
Auf dem Heimweg lief Silver ausnahmsweise nicht vorne. Er lief neben
Camillo. „Wie lange hält das an?“, fragte Romeo. Samurai grinste. „Bis zur
Heuraufe.“ An der Raufe drängelte sich Silver vor. Aber er ließ Camillo den
Platz neben sich.